Loading...
josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Astrid Lindgren

cover

Aus dem Schwedischen übersetzt von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs
Ullstein , Taschenbuch , 592 Seiten

 14.00 €

 978-3-548-28869-7

DIe Menschheit hat den Verstand verloren

Tagebücher 1939-1945

Astrid Lindgren hat mich die gesamte Kindheit über begleitet. Ich habe ihre Bücher erst vor Kurzem aus meinem alten Kinderzimmer in mein Erwachsenenzimmer geräumt. Deshalb ist es nun umso schöner, dass ich neben all die magisch-märchenhaften eine realistische Lindgren-Erzählung stellen kann: ihre Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1939-1945. Es ist eine besondere und eine besonders unmittelbare Art des Erzählens, das Tagebuchschreiben, was auch in Lindgrens Aufzeichnungen deutlich wird: Sie verwandelt sich die Welt nicht literarisch an, sondern erstattet aus der Stockholmer Perspektive in alltäglicher und dennoch pointierter Sprache Bericht über den Zweiten Weltkrieg, den sie mit Zeitungsausschnitten unterlegt. Dabei offenbart sich ein profundes Interesse an den Frontverläufen und den außenpolitischen Beziehungen der Kriegsparteien, das mit einer großen Vorstellungskraft und empathischem Einfühlungsvermögen gepaart ist. Astrid Lindgren kommt in fast jedem Eintrag, nachdem sie die politische Lage beschrieben hat, auf die Lage der Zivilbevölkerung zu sprechen, die sie meistens mit derjenigen ihrer Familie vergleicht. Der Bruch zwischen der hungernden Bevölkerung Europas und der schwedischen Bevölkerung, die trotz Nahrungsmittelknappheit in relativem Wohlstand lebt, zieht sich durch das ganze Buch und lässt Lindgren nicht los. Sie ringt mit der Neutralitätspolitik Schwedens, da sie den Preis für den Frieden kennt: keine direkte militärische Unterstützung Finnlands, nachdem dieses von der Sowjetunion angegriffen wurde, und Transporte deutscher Soldaten, Waffen und Munition in Zügen mitten durch Schweden. Ambivalent steht sie auch Deutschland gegenüber, was mich anfangs frappierte. Sie verurteilt die nationalsozialistische Politik zutiefst, würde eine deutsche Besatzung – zumindest zu Beginn des Krieges – aber dennoch einer russischen vorziehen.

Astrid Lindgrens Kriegstagebücher sind eine bedrückende Sommerlektüre und trotzdem in hohem Maße lesenswert. Dies liegt nicht zuletzt an der genauen Beobachtungsgabe Lindgrens und ihrer Fähigkeit, jene Beobachtungen in eine genauso präzise Sprache zu verwandeln, die zwischen bitterer Erkenntnis und großer Empfänglichkeit für das Schöne im Alltag schwankt und die Lesenden mitschwanken lässt.

Lisa Fremdling, 27 Jahre,