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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Dominik Bloedner empfiehlt:

Virginie Despentes

Frankreich gegen Ende der Nullerjahre: Nein, diesem Land geht es nicht wirklich gut. Zumindest wenn man dorthin schaut, wo es wehtut, wo die leben, die die neoliberale Klassengesellschaft ausgespuckt hat, wo die Arbeiter nicht mehr arm, sondern überflüssig geworden sind. In einem Stadtpark von Paris kommen sie zusammen. Etwa Charles, der angepennerte ehemalige Malocher aus dem Steinbruch. Seine Generation hatte nie etwas für die Reichen übrig, schon gar keinen Neid. Doch die einst so stolze Arbeiterklasse ist entweder zu den rechten Rattenfängern vom Front National übergelaufen oder ist, wie er, griesgrämig geworden, und trinkt und verachtet die heutigen Proleten, die gerne selbst mit dem silbernen Löffel im Mund geboren worden wären.

„Mit dem Chef wird nicht getrunken. Das war das Gesetz. In den Kneipen sprachen sie nur über Politik, der Klassenhass nährte eine echte Proletarieraristokratie. Das ist alles verschwunden, zusammen mit der Liebe zu gut gemachter Arbeit. Es gibt kein Arbeiterbewusstsein mehr. Die Jungs haben nur eins im Kopf, zu sein wie der Chef.“ So schonungslos wie mitfühlend beschreibt Virginie Despentes im zweiten Band der Trilogie Das Leben des Vernon Subutex die Gefühlswelt eines ihrer Protagonisten, eines dieser Verlierer.

Der Abstieg des Vernon Subutex

Für den ersten Band ist die bis dahin als pornografische Provokateurin geschmähte Endvierzigerin, die gerne schön abgerockt mit Kippe im Mundwinkel und Motörhead-T-Shirt posiert, auch vom deutschen Feuilleton gefeiert worden „Ein fulminanter Gesellschaftsroman“, hieß es da. Oder: „Eine Frau, die schreibt wie ein Rasiermesser.“ Verglichen wurde sie gar mit dem großen Gesellschaftsromanschreiber Balzac. 2016 ist Despentes in die wichtige Académie Goncourt aufgenommen worden. Sie, die einst auch in einem Plattenladen arbeitete und sich zeitweise als Prostituierte durchgeschlagen haben soll, sie ist nun wer.

Auf den rund 1200 Seiten, verteilt auf die drei Bücher, geht es um Vernon Subutex (der Nachname ist der einer Ersatzdroge für Heroin) und dessen sozialen Abstieg in die Obdachlosigkeit. Früher hatte der Frauenschwarm mit „Revolver“ einen angesagten Plattenladen in Paris, einen Treffpunkt für die Szene. Doch irgendwann hörten die Menschen auf, Platten zu kaufen, das Internet war schuld. Und als noch sein Sponsor und Zahler der Miete, der Sänger Alex Bleach, stirbt, fliegt Vernon aus der Wohnung, bemüht seine Facebook-Kontakte, schläft sich durch und landet schließlich im Stadtpark.

Hier nun beginnt der zweite Band, hier kommen Charles, der ebenfalls im Park herumlungert, und andere ins Spiel. Doch auch am untersten Rand der Gesellschaft, beschreibt es Despentes, kann man sich Würde und Stolz bewahren. So sagt etwa einer der Parkbewohner: „Man hat mir alles genommen, aber ich habe eine Welt erlebt, die wir uns maßgeschneidert hatten, in der ich nicht morgens mit dem Gedanken aufstand, jetzt muss ich wieder gehorchen.“ Und der Park hat einen Star. Denn Vernon Subutex hat es geschafft, viele der Menschen, die früher seinen Weg kreuzten, um sich zu scharen. Da ist Emilie, eine frühere Freundin, die mit ihrer lächerlich-bürgerlichen Einsamkeit, ihrem Untervögeltsein und mit ihren Speckröllchen kämpft. Da ist Sélim, der Sohn algerischer Einwanderer, Intellektueller, der zwischen den Kulturen steht, sich als französischen Patrioten sieht und angewidert ist, dass seine Tochter sich dem Islam zuwendet. Da ist der gescheiterte Drehbuchautor Xavier, der an seiner Wut nahezu erstickt. „Er verfault innerlich am Groll über seine Mittelmäßigkeit. Er kommt nicht darüber hinweg – die Muslime, die Freimaurer, die Juden, die Feministen, die Chinesen, die Deutschen, die Portugiesen, die Roma, die Protestanten, die Söhne von, die Schwuchteln“, schreibt Despentes. Oder der Hooligan Loïc, vor dem Abdriften ein Arbeiterklassepunk, der tanzt, wenn Vernon in einer Kneipe um die Ecke des Parks David Bowie, James Brown oder The Stooges auflegt, der verzeiht, der weint vor Glück – und der dann von seinen ehemaligen Spießgesellen totgeschlagen wird. Oder Olga, die dicke, polternde Obdachlose. Vernon Subutex schafft es, all diese Menschen zusammenzubringen, ihre Wut zu mildern, ihnen die Traurigkeit zu nehmen. Wie schafft er das nur?

Kurze Momente der Ekstase

Auch im zweiten Band wird der französischen Gesellschaft und der Kulturindustrie ein Spiegel vorgehalten. Doch anders als ihr Landsmann Michel Houellebecq – auch er liebt diese Pose mit der Zigarette – bringt Virginie Despentes den Figuren nicht nur traurig-analytische Kälte entgegen, sondern Empathie. Das Buch liest sich wie ein Soundtrack für die diejenigen, die in den 1980ern und 1990ern jung und wild, lebensmüde und zugleich lebenshungrig waren. Und die heute nicht verbittern wollen.

Es geht um Popkultur und Prostitution, um Islamismus und Islamfeindlichkeit, um Dramen und Drogen, um Armut und um Arroganz  – die der Reichen. Und es geht um die Videobänder, die Alex Bleach im Drogenrausch aufnahm und die brisante Informationen enthalten, die vor allem der sadistische und perverse Film- und Musikproduzent Dopalet unter Verschluss halten will. Die lesbische Privatdetektivin, die sie die Hyäne nennen, treibt hier ein doppeltes Spiel, moralische Abgründe tun sich auf. Irgendwann tritt die Clique um Vernon Subutex deswegen die Flucht aus Paris an. 

Die Welt ist am Arsch, da sind sie sich alle einig. „Wir sind die Besiegten – und wir sind Tausende. Wir suchen einen Weg“. heißt es gegen Ende des Buches. Dieser Weg, er könnte über die Musik gehen. Über die kurzen Momente der Ekstase, der Selbstvergessenheit und Komplizenschaft auf der Tanzfläche. Schon in den 1980ern hat das manchmal funktioniert.

Die Übersetzung von Band drei ist für diesen Herbst angekündigt.

Cover Das Leben des Vernon Subutex 2

Dominik Bloedner, arbeitet als Redakteur bei der Badischen Zeitung.