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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Édouard Louis

cover

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
, Taschenbuch , 208 Seiten

 9.99 €

 978-3-596-03243-3

Das Ende von Eddy

Eddy wächst in einer Gesellschaft auf, in der Männlichkeit als das Größte gilt, sodass sogar die Frauen von sich sagen, sie hätten „Eier in der Hose“. Eddy soll, wie alle anderen Männer im Dorf, ein „echter Kerl“ werden. Das ist seinem Vater von Anfang an das Wichtigste. Ein „echter Kerl“: brutal, roh, gewalttätig, laut, sich schnell aufregend, nicht zum Friseur und auch nicht zum Arzt gehend, schließlich ist man ja kein Weichei! Eddy enttäuscht den Vater und auch die Mutter: Er ist von Anfang an anders. In seinen Gesten, seiner Art sich zu bewegen, zu sprechen und später auch in seiner Art zu begehren, zu lieben. Er verletzt das vorherrschende Männlichkeitsideal und wird dafür täglich gedemütigt, bespuckt und verprügelt: vom Vater, seinem Bruder, von Mitschülern. Sätze wie „Dein Vater regt sich halt schnell auf; du weißt doch wie er ist“ entschärfen nicht die Demütigung, sondern suggerieren ihm auch noch eine eigene Schuld, verletzen noch einmal.
 Dabei fragt sich Eddy selbst ständig: Warum bin ich so? Warum bin ich kein richtiger Junge? Warum kein echter Kerl? Aber gegen die Natur, gegen eine Tatsache kommt niemand an.
Das ist gerade die Stärke des Buches, dass Édouard Louis mehr als deutlich macht, dass man über einen Fakt wie den der Homosexualität nicht zu diskutieren braucht. Sich gegen Tatsachen zu stellen ist ebenso beschränkt, wie zu behaupten, die Erde wäre eine Scheibe. Mit seinem autobiographisch inspirierten Roman Das Ende von Eddy rechnet er scharf beobachtend mit seiner unglücklichen, grausamen und unerträglichen Kindheit, den festgesetzten Geschlechterrollen und den Normen, die wir oft völlig wider die Natur festlegen, ab.
Für seinen Roman findet er den perfekten Ton: klar, schnörkellos und schonungslos. Und er lässt seine Protagonisten im authentischen Arbeiter-Jargon sprechen – perfekt übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Sein Buch ist nicht einfach ein Coming-Out-Roman oder die Erzählung einer düsteren Kindheit, sondern eine sehr genau beobachtete Sozialstudie dieses Milieus, in dem Édouard Louis als Eddy Bellegueule aufwuchs. Und dies verpackt in einem anmutigen sowie tief bewegenden und beeindruckenden Roman, der ein Befreiungsschlag ist. Eddy gelingt die Flucht und Édouard Louis mit 22 Jahren ein ganz großer Wurf.  

Sebastian Reiß, Aushilfe Buchhandlung, 2009/2010