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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Senthuran Varatharajah

cover

Suhrkamp Verlag , gebunden , 256 Seiten

 19.99 €

 978-3-10-002415-2

Vor der Zunahme der Zeichen

Bei nahezu jedem Buch, das ich in die Hände bekomme, gibt es zuvor eine Situation, die dazu führt, das ich dieses oder jenes Buch lese. Bei Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen war es keine Empfehlung, sondern der Erhalt von Zitaten aus dem Buch, der mich drängte, dies Buch lesen zu wollen. Doch bevor es dazu kam, befand ich mich bei einer Lesung und lauschte dem Autor gespannt, wie er mit tiefer Stimme einige Seiten vorlas und mit jenem Zitat endete, das mich schon zuvor so beeindruckte: „Ich wusste nicht, dass Papier und Papiere nicht dasselbe bedeuteten. Ich wusste nicht, dass Papiere nicht der Plural von Papier ist. Ich wusste nicht, dass ein einzelner Buchstabe den Sinn eines ganzen Wortes verändern konnte, ich wusste es nicht, bis zu diesem Augenblick, aber ich wusste, dass ich das, was Onkel Wilhelm Monate zuvor zu mir gesagt hatte, damals nicht verstand, und erst jetzt beginne ich zu verstehen. Jeder Buchstabe hat seinen Preis.“
Es handelt sich um den Debüt-Roman eines deutschen Autors sri-lankischer Eltern, der sich mit feinstem Gefühl und liebevollster Genauigkeit mit der deutschen Sprache und den Diskrepanzen der „Migration“ zweiter Generation auseinandersetzt. Wegen des Vorschlags bei Facebook, „freunden“ sich zwei Personen an, die viele gemeinsame Freunde haben und versuchen, im Chat herauszufinden, wo sie sich bereits begegnet sein könnten. Ihre Lebenswege ähneln sich durch ihre Wohnorte Berlin und Marburg, wobei eine Person die ersten Lebensjahre in Sri Lanka und die andere in Albanien verbracht hat. Auch wenn die Unterhaltungen durch das philosophisch und sprachlich Ausgefeilte sehr konstruiert wirken, konnte ich mich als Leserin in die nächtlichen Stunden vor Facebook ziemlich gut hinein versetzen.
Deshalb würde ich sagen, dass es sich lohnt dieses Buch zu lesen, wenn man entweder an interkultureller Literatur interessiert ist oder noch nicht viel über Albanien und Sri Lanka weiß oder Freude an der deutschen Sprache hat. Und wer sich davon nicht angesprochen fühlt, sollte nicht vergessen: „Auch Schatten können Schatten werfen“ .

Annika Weise, 25 Jahre,