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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Heiner Müller

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Suhrkamp Verlag , Taschenbuch , 389 Seiten

 16.- €

 978-3-518-12711-7

 10.04.2017

"Für alle reicht es nicht"

Texte zum Kapitalismus

Wer nicht nur mitfeiern & konsumieren möchte bei den Feiern zur Oktoberrevolution oder mit den sich bereits abzeichnenden Marx-Geburtstagsfeiern, sondern wer mitdenken will, wer auf der Suche ist nach einem Buch, das nicht geschrieben wurde, wie viele Bücher, die hastig auf ein Ereignis hin verfasst werden, wer eindringen möchte in einzelne Knäuel und Zusammenhänge unserer Gegenwart, dem & der möchte ich diese Zusammenstellung von Texten Heiner Müllers (Theater, Interviews, Gedichte) ans Herz legen, das in fünf Kapitel eingeteilt ist. Jedem der Kapitel ist eine „Einführung“ vorangestellt, die alle für sich genommen schon lesenswert sind.
 
„Die guten Texte wachsen immer noch aus finsterm Grund“, und in „finsteren Zeiten“ haben Brecht & Heiner Müller geschrieben & ihre Theaterarbeit gemacht. Brecht sei „rechtzeitig gestorben“ (Heiner Müller), er selbst hielt durch, Kindheit & Jugend im Dritten Reich, den Sozialismus in der DDR-Ausprägung, die Revolution in der DDR, deren Übernahme & deren endgültiges Aufgehen in der kapitalistischen BRD.
 
Faschismus & Kapitalismus bilden für ihn (wie für Brecht) eine Einheit & daraus rührt ihre Hoffnung nach 1945, auf eine neue Gesellschaftsform, auf einen Gegenentwurf zur Nazidiktatur. Beide wurden enttäuscht: „Dieser Staat hat mir nichts geschenkt und ich habe mir von ihm nichts schenken lassen als die Erfahrung des Scheiterns einer Utopie“.
Dem „unsäglichen“ Ulbricht standen die Altnazis Globke, Schleyer, Filbinger, Lübke gegenüber. Immerhin: Das Ergebnis war das blitzhafte Aufscheinen und der langsame und beinahe lautlose Unter­gang einer großen Utopie, die des Kommunismus, an der Müller festhält; es bleibt ihm nur „die Emigration in den Traum“.
 
Wir haben uns eingerichtet im Kapitalismus (die Grünen stehen vor der erneuten Regierungsbeteiligung) & vergessen, dass „alle Privilegien bezahlt werden müssen“, genauso wie Brechts War­nung: „Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über / Wird es keinen Sieger mehr geben / Auf eurer Welt, sondern nur mehr / Besiegte“.
Frage: Was verstehen Sie unter Eiszeit? Müller: Den Kapitalismus.
Und in dem leben wir immer noch.

Edwin Gantert,