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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Jonas Lüscher

cover

C.H. Beck Verlag , gebunden , 237 Seiten

 19.95 €

 978-3-406-70531-1

Kraft

Richard Kraft, dem Protagonisten in Jonas Lüschers neuem Roman, konnte ich nur wenig Sympathie entgegenbringen. Als Identifikationsfigur taugt der überhebliche Verfechter ultraliberaler Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Anhänger von Margaret Thatcher und Ronald Reagan nicht. Das ist eine Hürde, die überwunden werden muss. Belohnt wird man dafür mit einem elegant erzählten und stellenweise ziemlich komischen Roman, der mit interessanten philosophischen Gedankenspielen aufwarten kann und längst vergessene politische Ereignisse der westdeutschen Geschichte wieder in Erinnerung bringt.
Richard Kraft, ein eigentlich gut verdienender Rhetorikprofessor aus Tübingen, hat Geldsorgen: Seine zweite Ehe steckt in der Krise, er möchte die Scheidung, doch dafür und für den Unterhalt seiner vier Kinder braucht er viel Geld. Deshalb reist er nach Kalifornien an die Universität von Stanford, um dort an einem philosophischen Wettstreit teilzunehmen, den ein Internet-Millionär aus dem Silicon Valley ausgeschrieben hat.
In einem 18-minütigen Vortrag soll er eine Antwort auf die Frage geben, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Wer am überzeugendsten argumentiert, erhält eine Million Dollar.
Kraft reist zwei Wochen vorher an, um sich auf den Vortrag vorzubereiten. In dieser Zeit gerät der anfänglich selbstbewusste Wissenschaftler immer tiefer in eine Krise, seine eigenen Überzeugungen tragen nicht mehr, und er erleidet einige persönliche Niederlagen. Im Silicon Valley begegnet er einem ungebrochenen Optimismus und einer Technikgläubigkeit, die ihn irritieren. Kraft, ein Vertreter der alten europäischen Bildungswelt, bekommt Zweifel an der neuen digitalen Welt.
Außerdem gerät sein eigenes Leben immer mehr in den Fokus seiner Überlegungen. Statt an seinem Vortrag zu arbeiten, beschäftigt sich Kraft mit seiner Vergangenheit und stellt sich bisher unbeantworteten Fragen. Das Ende des Romans ist ähnlich spektakulär und unerwartet wie das von Jonas Lüschers erstem Roman Frühling der Barbaren.
Mehr wird nicht verraten, einfach lesen!

Heidemarie Schlenk,