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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Peter R. Neumann

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Ullstein Verlag , gebunden , 304 Seiten

 19.99 €

 978-3-550-08153-8

 14. Oktober 2016

Der Terror ist unter uns

Dschihadismus und Radikalisierung in Europa

Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King's College in London, untersucht die Radikalisierung von Dschidadisten in Europa. An Dutzenden von Kurzbiographien zeigt er, dass einfache Erklärungen nicht möglich sind. Die Behauptung, es handle sich um „einsame Wölfe“, sei unzutreffend. Beim Attentäter von Nizza beispielsweise, der lange als Einzeltäter präsentiert wurde, stellte sich wenig später heraus, dass er eine ganze Gruppe von religiös gleichgesinnten Komplizen hatte, die ihm dabei halfen, den Anschlag vorzubereiten. Auch die Erklärung durch psychische Abnormität der Terroristen gehe an der Realität vorbei. Bei den brutalsten und schockierendsten Anschlägen habe es keine Hinweise auf eine psychische Erkrankung der Täter gegeben. Auch die Idee einer Blitzradikalisierung habe sich als Mythos herausgestellt. Niemand werde über Nacht zum Terroristen.

Anwerbung

Der Erfolg des „Islamischen Staates“ bei der Anwerbung von Terroristen sei mit der „konkreten Utopie“ zu erklären, die er verkünde. Anders als noch „Al Qaida“ lade er seine Anhänger ein, sich bei seinem Aufbau zu beteiligen. Er stelle keine religiösen oder intellektuellen Anforderungen. Seine schockierende Brutalität biete ein noch effektiveres Ventil für den Hass auf die eigene gesellschaftliche Herkunft. Er kommuniziere auf allen Kanälen, projiziere Stärke und Macht und gebe selbst Unterstützern, die nicht in seine Struktur eingebunden sind, das Gefühl, Teil seiner Kampagne zu sein. Der „Islamische Staat“ mobilisiere nicht mehr nur junge, männliche Muslime auf der Suche nach Religion und Bedeutung, sondern auch Frauen, Kleinkriminelle, Einzelgänger oder religiöse Novizen. Sogar solche, die gar nicht zur zweiten oder dritten Generation der muslimischen Einwanderer gehörten, aber aus völlig anderen Gründen frustriert und entfremdet seien. Der „Islamische Staat“ habe den Dschihadismus „demokratisiert“. Sicherheitsbehörden reichten nicht aus, um diesem Problem Herr zu werden. Statt nach jedem Feuer nach mehr Feuerwehr zu rufen, sollte man herausfinden, warum es so häufig brenne.

Radikalisierungsverläufe

Bei der Interpretation der Täterbiographien zitiert Neumann ausführlich die umfangreiche soziologische und psychologische Literatur der letzten Jahre. Die Lebensläufe der Terroristen zeigten, dass es keine typischen Karrieren gebe. Auf dem allgemeinen Hintergrund der Nichtakzeptanz der zweiten und dritten Generation muslimischer Einwanderer durch die Europäer ließen sich fünf „Bausteine“ benennen, denen er je ein eigenes, empirisch reiches Kapitel seiner Untersuchung widmet. Aus welchen Bausteinen sich ein individueller Radikalisierungsverlauf zusammensetze und in welcher Reihenfolge und Kombination sie in Erscheinung träten, lasse sich nur schwer voraussagen oder verallgemeinern. Als analytische Werkzeuge seien sie unentbehrlich, um die Wege in die Gewalt zu entschlüsseln.

Radikalisierungsverläufe unterschieden sich zusätzlich nach Kontext und historischer Situation der betreffenden Personen. Die Anarchisten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die Nationalisten Mitte des 20. Jahrhunderts, die neuen Linken ab den sechziger Jahren, die religiösen Fundamentalisten in den späten siebziger Jahren kamen aus sehr unterschiedlichen historischen Verhältnissen. In einer bürgerkriegsähnlichen Situation, wie in Nordirland war die direkte Erfahrung von Gewalt und Gegengewalt ein zweifellos bedeutenderer Faktor als für die Studenten, die sich in Deutschland ab 1970 der RAF anschlossen. Und für die erste Al Qaida Generation spielten Ideen und theologische Debatten eine wichtigere Rolle als für die Gangster, die sich für den „Islamischen Staat“ begeisterten.

Fünf Bausteine

Als Bausteine nennt Neumann an erster Stelle soziale und politische Konflikte, die zu Unmut, Frustration und Entfremdung führen. Häufig geht es auch um emotionale Bedürfnisse, zum Beispiel nach Identität, Bedeutung, den Rang  in der jeweiligen Gemeinschaft, Stärke und Abenteuer. Den dritten Baustein bilden Ideen, Ideensysteme oder Ideologien, die Frust und Drang rationalisieren und in ein politisches Projekt lenken. Genauso wichtig sind soziale Prozesse: der Einfluss kleinerer Gruppen, charismatischer Anführer oder von Gegenkulturen, wo sich extremistische Ansichten normalisieren und terroristische Netzwerke entstehen. Der letzte Faktor sei Gewalt, die nicht nur Ergebnis, sondern Ursache von Radikalisierung sein könne, sei es durch Prägung, Gewöhnung, Repression oder als Vergeltung.

Die fünf Bausteine eines Radikalisierungsverlaufs: Frustration, Rang, Ideen, Leute und Gewalt seien kein Instrument von Prognosen, sondern Risikofaktoren. Mit Ausnahme des Faktors Gewalt sind sie gewöhnlich, legal und legitim. Unmut und Frustration gibt es in jeder Gesellschaft, die Bedürfnisse nach Identität und Bedeutung sind universell, sich für politische Ideen zu begeistern, ist ebenso wenig ein Indikator für politische Gewalt wie für einen charismatischen Anführer zu schwärmen oder Mitglied einer Clique zu werden. Frust, Drang, Ideen und Leute können genauso gut zur Mitgliedschaft bei den Grünen oder bei Greenpeace führen wie zur Unterstützung der Tierbefreiungsfront. Wer nach Abenteuer und Aggressivität sucht, muss kein Terrorist werden, sondern kann auch zur Bundeswehr gehen.

Antiextremistischer Brandschutz

Teil einer intelligenten Antwort auf die terroristische Bedrohung sei Prävention oder „antiextremistischer Brandschutz“. Gefordert sind hierbei alle Bürgerinitiativen, Verbände, gemeinnützige Vereine, Stiftungen, muslimische Gruppen. Nicht die Sicherheitsbehörden, sondern Städte und Gemeinden, Schulen und soziale Einrichtungen. Aufgabe des Staates ist es, die Richtung vorzugeben, Anreize zu schaffen, unterschiedliche Ansätze miteinander zu verknüpfen, Verdoppelungen zu vermeiden und Prävention zu bezahlen. Am wichtigsten dabei ist die klassische Jugend- und Sozialarbeit und Sozialpolitik. Der „Islamische Staat“ rekrutiert viele seiner Anhänger in Orten wie dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek oder in den Pariser Banlieues. Der Staat hat diese seit Jahrzehnten aufgegeben, es existieren wenige Jugend- und Kulturzentren, die Jugendlichen fühlen sich gelangweilt und alleingelassen, wer hier aufwächst, hat nicht nur keine Orientierung, sondern auch keine Perspektive.

Ein anderer Schwerpunkt seien die Gefängnisse. Radikalisierung finde besonders häufig in solchen Gefängnissen statt, in denen der Gefängnisleitung die Kontrolle über die eigene Anstalt entglitten sei, in der sich Extremisten mehr oder weniger frei bewegen könnten. Erforderlich sind mehr Personal und bessere Ausbildung, insbesondere geistliche Betreuer für muslimische Gefangene. Wer Radikalisierung im Gefängnis verhindern will, muss die Kontrolle über ihre Insassen haben, sodass ihnen Struktur und Orientierung geboten wird.

Ein weiteres Ziel sei es, den Radikalisierten die Möglichkeit zum Ausstieg oder zur Reintegration zu geben. Hier bedürfe es genauer Diagnosen, zu welchem Typ von Radikalen die Menschen gehörten, um mit angemessenen Angeboten ihnen entgegen zu kommen. Eine besondere Gruppe seien die Syrien-Rückkehrer. Neben persönlichen Gründen gebe es viele, die vom Dschihad in Syrien enttäuscht wurden. Einige berichten von Korruption und Ungerechtigkeit, andere sind schockiert über die Brutalität des „Islamischen Staates“ gegenüber Muslimen und Mitgliedern der eigenen Gruppe. Wieder andere hatten auf mehr „Action“ gehofft und beschwerten sich über die langweiligen Aufgaben, die ihnen zugeteilt wurden. Die Mehrheit von ihnen seien trotz Rückkehr nach wie vor Dschihadisten und praktizierten die salafistische Glaubensdoktrin und glaubten an die Idee des Kalifats. Doch viele haben sich vom „Islamischen Staat“ abgewendet und warnen ihre Brüder, sich ihm anzuschließen. Nur wenige sind nach ihrer Rückkehr gefährlich und planen in Europa Anschläge durchzuführen.

Konflikte im Nahen Osten

Wer Radikalisierung an ihren Wurzeln bekämpfen will, muss sich, schreibt Neumann, zuerst mit den Strukturen politischer Konflikte beschäftigen, an die die Extremisten und ihre Ideologien andocken. Für den Dschihadismus heißt das, die Konflikte im Nahen Osten zu begreifen, die mehr und mehr dem 30-jährigen Krieg in Europa des 17. Jahrhunderts ähneln. Niemand kann sagen, wie diese Konflikte enden werden. Sicher ist nur, dass die regionale Aufstellung, wie sie bis zum Arabischen Frühling im Jahr 2011 bestanden hat, nicht mehr herzustellen ist. Die Idee, dass alles, was derzeit im Nahen Osten passiert, auf das Konto Amerikas und Europas geht, sei genauso absurd, wie die Behauptung, dass Amerika und Europa in der Lage dazu seien, den Konflikt schnell und auf eigene Faust zu lösen.  Niemand kann von heute auf morgen Schiiten und Sunniten miteinander versöhnen, Millionen von Arbeitsplätzen schaffen, und regionale Machtinteressen befrieden. Selbst wenn der „Islamische Staat“ besiegt wird, würden genau wie nach dem Ende des Afghanistan-Konflikts ein Teil der überlebenden Kämpfer als Veteranen in anderen Konflikten auftauchen. Die Konflikte des Nahen Ostens dürften noch eine Generation lang andauern.

Integration

Die zweite und wichtigere Wurzel der dschihadistischen Radikalisierung in Europa sei die mangelnde Integration der Kinder und Enkel der Gastarbeiter, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Europa einwanderten. Wie stark sich Europa dadurch veränderte, wollten viele Europäer nicht wahrhaben. Gegenwärtig werde immer noch darüber diskutiert, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei. Wer Mohammed heißt, mag zwar in Frankreich geboren sein und einen französischen Pass in der Tasche haben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass er sich als Franzose fühlt und als Franzose akzeptiert wird. Viele Europäer haben niemals akzeptiert, dass die Türken, Marokkaner oder Pakistanis, die in Europa geboren und aufgewachsen sind, genauso Teil ihrer Gesellschaft sind wie sie selbst. Und viele, die zur zweiten oder dritten Generation gehören, fühlen sich in ihren eigenen Gesellschaften völlig fremd. Die Lösung dieses Problems heißt nicht mehr Geld und mehr Sozialprogramme, sondern entscheidend werde sein, ob es gelinge, dass die Europäer Menschen unterschiedlicher Herkunft, Glaubens und Hautfarbe wirklich akzeptieren.

Ziel des dschihadistischen Terrors ist es dagegen, die Gesellschaft zu spalten, Misstrauen zu säen, das Gefühl der Entfremdung, das junge Muslime unsicher macht, noch zu verstärken. Wer auf Terrorismus mit Ausgrenzung und Polarisierung reagiert, tappt in die Falle, die der „Islamische Staat“ gestellt hat. Terrorismusbekämpfung ist nicht Aufgabe der Sicherheitsbehörden, sondern der ganzen Gesellschaft. Radikalisierung zu verhindern, schützt nicht nur Menschenleben, sondern auch das demokratische Gesellschaftsmodell.

Neumann gelingt es sehr gut, das Problem des gegenwärtigen Terrorismus historisch zu erklären und allen Schematisierungen überzeugend entgegenzutreten. Ein Lehrbuch der Staatsbürgerkunde.

Michael Berger,