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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Jérome Bindé (Hg.)

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Aus dem Französischen von Frank Sievers und Andreas Jandl.
Suhrkamp Verlag , Taschenbuch , 333 Seiten

 12.- €

 17. Dezember 2007

Die Zunkunft der Werte

Dialoge über das 21. Jahrhundert

Intensiviert sich die Diskussion über die grundlegenden Werte der Gesellschaften, haben sie wohl ihre Kraft eingebüßt! Darauf reagiert offensichtlich der Sammelband Die Zukunft der Werte. Er dokumentiert 26 Beiträge aus einer Debattenreihe, die von der UNESCO organisiert wurde. Die Veranstaltungen sollten um das Jahr 2000 herum einen Blick auf das neue Jahrtausend werfen und erfuhren nach den Ereignissen von 9/11 eine deutliche Intensivierung. Die publizierten Texte breiten vor allem aus wissenschaftlicher Sicht ein interessantes und vielstimmiges Spektrum an Konzepten und Problematisierungen zur Wertediskussion aus.

Als gemeinsamer Hintergrund und aktueller Ausgangspunkt der jeweiligen Analysen kann die Wahrnehmung einer weltweiten Krisensituation gelten, einer generellen Verunsicherung, die durch die Angriffe auf das World Trade Center (2001) sicherlich noch verstärkt wurde. Im Mittelpunkt der Beiträge stehen Veränderungen, die sich historisch seit längerem manifestieren, die gesamte Lebenswelt in allen Regionen betreffen und etwa mit Begriffen wie Globalisierung, technologischer Innovation, Humangenetik, Migrationsbewegungen, Überwachungsgesellschaft etc. verbunden sind. Wie können sich in Folge der gravierenden Eingriffe sowohl in die großen politischen Einheiten als auch in die alltägliche Lebenswirklichkeit neue vertretbare, ethische Konzepte etablieren, die es zudem vermögen, auch die nunmehr vielfältig miteinander agierenden TeilnehmerInnen und Interessensgruppen zu berücksichtigen? Wie werden hierbei die traditionellen Wertegefüge tangiert? Sind Auseinandersetzungen der verschiedenen Kulturen vermeidbar? Welche Rolle spielen noch Identitäten?

Die Beiträge gehen überwiegend von einer als eher dringend notwendig angesehenen Veränderung der ethischen Konzepte aus. Die Art und Weise, in der die Notwendigkeit vorgebracht wird, scheint dabei auf eine Anpassungsleistung gegenüber den erwarteten Entwicklungen zu zielen. Die weitgehende Anerkennung der eingetretenen oder für die Zukunft prognostizierten Realitäten, die sich aus Globalisierung, Technisierung etc. ergeben, qualifiziert dabei die Wertegefüge eher pragmatisch als ein den Verlauf des Geschehens stützendes Mittel. So gerät die Ethik in Gefahr, ihre gestaltende, die Gesamtheit der Gesellschaft betreffende Autorität zu verlieren. Sie wird zu einer bloß flexiblen Methode, einer Art Bedienungsanleitung, die zum Gelingen dessen beiträgt, was die industriellen Technologie- und Kreativkomplexe propagieren. Bei der Diskussion, die eher auf einen reibungslosen Verlauf der zukünftigen Prozesse abzielt, geht meines Erachtens auch jene Forderung aus Kants Ethik verloren, nach welcher der Mensch stets als Zweck und nie als bloßes Mittel zu denken sei. Die global sich durchsetzende, neoliberale Praxis hat genau jenen Satz aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ in sein Gegenteil umgedreht.   

Trotz der hier nur kursorisch angeführten kritischen Punkte scheint mir die Vielstimmigkeit der theoretischen Ansätze und Analysen in „Die Zukunft der Werte“ einen guten Einstieg in eine weiterführende Diskussion zu ermöglichen.

Michael Leicht,