Loading...
josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Leo Löwenthal

cover

Suhrkamp Verlag , Taschenbuch , 336 Seiten

 12.- €

 978-3-518-28503-9

 06.10.1990

Falsche Propheten

Studien zum Autoritarismus. Schriften Bd.3

Mir hat das Wiederlesen dieser großartigen Studie geholfen, die Mechanismen aktueller faschistoider Agitation besser zu verstehen. In den 1940ern als ein Band der Studies in Prejudice des in die USA emigrierten Instituts für Sozialforschung entstanden, hat die Untersuchung heute eine erstaunliche Aktualität. Ergänzend zu anderen Studien wie den berühmten zum „autoritären Charakter“, in denen Adorno et al. psychologische Dispositionen zum Faschismus analysierten, untersuchten Löwenthal und Guterman damals Reden und Flugblätter amerikanischer faschistischer Agitatoren, die aus den latenten Vorurteilen ihrer Zuhörer offene Doktrinen formten.

Verblüffend ist, wie sehr sich nicht nur die Mechanismen, sondern auch die Themen der Agitation heute wiederholen, vom drohenden „Chaos“ und moralischen wie wirtschaftlichen Verfall, über die allgegenwärtige „Verschwörung“, bis hin zur Überfremdung durch Flüchtlinge (damals aus Europa). Die Autoren zeigen, dass es dabei nicht so sehr auf das häufig unzusammenhängende und widersprüchliche explizit Gesagte ankommt, sondern eher auf die latenten Inhalte der Reden, die auf unbewusste Mechanismen abzielen. So kann der Redner sich etwa zugleich als „Mann aus dem Volke“ und finanziell geplagtes Familienoberhaupt und als „über allen materiellen Erwägungen stehend“ darstellen – die bisweilen Züge des Lächerlichen tragende Ambivalenz ist Absicht: „In ihm, dem am Ende über all seine Versucher und Verfolger triumphierenden Märtyrer, sehen seine Anhänger alle ihre eigenen Frustrationen auf magische Weise in grandiose Befriedigungen verwandelt.“ Statt ein politisches Programm anzubieten, versetzt der Agitator sein Publikum dabei in einen Zustand ständiger Erregung gegenüber dem „Feind“. Die geschürten Aggressionen werden letztlich nie befriedigt, sondern münden in bedingungslose Unterwerfung gegenüber dem charismatischen Führer, der als externes Über-Ich fungiert, scheinbar unersetzbar in einer konfusen Welt.

Andrea zur Nieden,