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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Richard Sennett

cover

Aus dem Englischen von Michael Bischoff
dtv , Taschenbuch , 416 Seiten

 12.90 €

 978-3-423-34837-9

 2. Aufl.2015

Zusammenarbeit

Was unsere Gesellschaft zusammenhält

Was der produktive Soziologe Richard Sennett seit Jahrzehnten an Reflexion und Anregung in Buchform in die Welt bringt, ist das Gegenteil von kleinen, niedrigschwelligen Formaten, das Gegenteil von populärwissenschaftlicher Breikost. Es sind profunde und weiträumige Recherchen zu den Dingen des Lebens. Dieser Mann sitzt definitiv nicht im elfenbeinernen Turm, seine Bücher über Wesentliches wie Stadt und Lohnarbeit sind höchst lesbar, höchst gegenwärtig und verankert in üppigem bildungsbürgerlichem Wissen, aber vor allem auch in allergrößter Nähe zu allem, was sich ringsherum bei den heutigen Menschen tut.

Nützlich und aufregend ist in diesem Sinne auch Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Allerdings sind sowohl das Cover der Taschenbuchausgabe als auch der deutsche Titel ein bisschen irreführend. Der englische Titel heißt Together – The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation – das greift lustvoll weiter und macht entsprechend neugieriger. Und der Ruder-Achter auf dem Titelbild führt genau da hin, wo Sennett uns LeserInnen gar nicht haben will, nämlich zu der Frage, wie organisieren wir zielführend optimales Zusammenwirken. Sein Ansatz ist ein anderer – und es lohnt sich, sportlich mitzudenken. Nicht das Koordinieren von fittem Teamwork interessiert ihn, sondern das Kooperieren von Menschen, die sich – zum Beispiel – nicht kennen, nicht verstehen, nicht mögen. Menschen, die anders sind als wir. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten brauchen wir, um mit den Unterschieden und Widersprüchen klarzukommen – und zusammenzuwirken? Geradezu ketzerisch ist seine Kritik an dem Schlagwort der Solidarität – die nämlich setze auf das, was Menschen gemeinsam ist. Problem: Dieser Ansatz ignoriert die oft schmerzhaften Unterschiede und Widersprüche.

Richard Sennetts Buch übers Zusammentun und Zusammenwirken ist akribische Analyse – und keineswegs eine handliche Gebrauchsanweisung. Dennoch gibt es auch ganz praktische Hinweise. Vier Fertigkeiten hält Sennett für grundlegend, um in Nachbarschaften, Labors, Schulen, Werkstätten und überhaupt überall zusammenarbeiten zu können: 1. Dialogische Fähigkeiten, das heißt gut zuhören und die Idee des Gegenüber begreifen 2. Konjunktivisches Sprechen, das heißt, einladend nicht ausgrenzend sprechen. 3. Informelle Wendungen finden, das heißt vor allem für Situationen mit viel Konfliktpotenzial: nicht an formalen Begrenzungen festhalten 4. statt mit Sympathie mit Empathie agieren. Sympathie, sagt Sennett, sei in sich anmaßend – Empathie anerkenne – wieder einmal – das originäre Erleben des Anderen. Spannender Input – gut begründet und allemal eine gute Grundlage für Diskussion und Miteinander. Sein Appell: Ungleichheit, Unterschiede und Widersprüche wahrnehmen und anerkennen, ihnen Raum lassen – und damit zusammenarbeiten.
Kluger Blick auf Potenziale, die gepflegt werden sollten – 400 Seiten inspirierende Lektüre, die null langweilig wird und die weit in unsere Leben und Alltage schwappt.

Julia Littmann,