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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Ben Rawlence

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Aus dem Englischen von Bettina Münch und Kathrin Razum
Nagel & Kimche Verlag , gebunden , 416 Seiten

 24.90 €

 978-3-312-00691-5

 14.03.2016

Stadt der Verlorenen

Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Dadaab, in der Halbwüste Nordostkenias ca. 80 km von der somalischen Grenze entfernt gelegen, ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Genauer gesagt handelt es sich um einen aus fünf um das Städtchen Dadaab gelegenen Lagern bestehenden Lagerkomplex. Wie viele Menschen dort leben, lässt sich allen Bemühungen um eine ordentliche Registrierung der Flüchtlinge zum Trotz nur schätzen. Jeden Tag kommen und gehen Hunderte, ohne sich bei den Hilfsorganisationen zu melden. Zu Hochzeiten waren es jedenfalls mehr als eine halbe Million Menschen. Die meisten von ihnen stammen aus Somalia, in dem seit 1991 ein bisher nicht zum Stillstand gekommener Bürgerkrieg tobt.

Der britische Journalist Ben Rawlence hat die Lager nach 2011 mehrmals für insgesamt mehrere Monate besucht und dort die Lebenswege von neun Männern und Frauen aufgezeichnet, die es nach 1992, dem Jahr der Entstehung des Lagerkomplexes, zu unterschiedlichen Zeitpunkten zum Teil noch als Jugendliche nach Dadaab verschlagen hat. Zwar beleuchtet Rawlence auch die politischen Hintergründe des somalischen Bürgerkriegs, schildert er die harten und elenden Lebensumstände der Flüchtlinge. Die eigentliche Stärke dieses Buches aber liegt in der Schilderung Dadaabs als eines exterritorialen, eigenständigen sozialen Kosmos, der über informelle Kanäle gleichwohl an die regionale und über die internationalen Hilfsorganisationen sogar an die globale Ökonomie angeschlossen ist.

Wir erfahren, wie unter dem Schirm eines egalitären und liberalen Lagerregimes religiöse und ethnische Spannungen ebenso wie Generationen-, Geschlechter- und Klassenkonflikte wiedererstehen. Wir erfahren, mit welcher Härte und Hartnäckigkeit die einen versuchen, dem Lager zu entkommen, mit welcher Verzweiflung, aber auch mit welchem Geschick und welcher Würde sich hingegen andere bemühen, das Lager zu ihrer neuen Heimat zu machen. Aber wir lernen auch, wie korrupte kenianische Politiker am Schmuggel in das und selbst aus dem Lager verdienen, wie somalische Islamisten das Lager als Rückzugsraum nutzen und mit welcher Finesse die internationalen Hilfsorganisationen das Elend nicht nur lindern, sondern auch schüren und wohl instrumentalisieren müssen, um die Spendengelder zu requirieren, von denen nicht nur die Flüchtlinge leben, sondern die Hilfsindustrie selber zehrt.

Rawlence hat ein durchaus bedrückendes, aber dennoch buntes, lebhaftes Buch geschrieben. Es ist weder ein trockenes Sachbuch noch eine nur lose verbundene Aneinanderreihung einzelner Portraits, sondern eine gleichermaßen informative wie fesselnde Langreportage in der Tradition eines Ryszard Kapuściński. Wer wissen will, warum ein in der kenianischen Halbwüste gelegenes Flüchtlingslager Teil unserer Welt ist, ist mit dem Buch gut beraten. Unbedingt lesenswert.

Axel Paul,