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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Günter Jürgensmeyer (Hg.)

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Galiani Verlag , gebunden , 816 Seiten

 89.- €

 978-3-86971-118-8

 13.10.2016

Shakespeare und seine Welt

„William Shakespeare (der gleichzeitig Teilhaber der bedeutendsten Theatergesellschaft Englands war und deshalb immer auf der Suche nach Stoffen für neue Stücke) las neben den Klassikern seiner Zeit auch intensiv neue Bücher aus allen möglichen Wissensgebieten, beobachtete wach das Zeitgeschehen, war bestens informiert über die aktuellen literarischen Neuerscheinungen und hatte ein aufmerksames Auge auf die Produktionen der konkurrierenden Theater der Hauptstadt. Aus all den Stoffen, Motiven, Figuren und neuen Techniken, auf die er dort traf, bediente er sich für seine eigenen Werke.
Dies mag den ein oder anderen heutigen Leser überraschen oder irritieren, denn es entspricht wenig der verbreiteten, romantisch-verklärten Vorstellung vom geborenen Originalgenie oder gar göttlich inspirierten Sänger, der im kreativen Akt aus sich selbst oder höheren Eingebungen schöpft“.
So Autor Jürgensmeier im Vorwort zu Shakespeare und seine Welt (2016),  einem 3-Kilo-Stein im Format 31x24 cm, LP-Höhe also, 6 cm dick – aber nur 816 S. stark (dickes Papier also).

Versierter Monteur

Den „ein oder anderen“ heutigen Leser mag in der Tat „überraschen oder irritieren“, was Jürgensmeier anspricht: „Fortschritt erfolgt in der Kunst jedoch nicht anders als in der Wissenschaft oder Technik: Geniale Menschen bauen auf dem von Mitmenschen oder Vorgängern Erreichten auf, kombinieren es neu und entwickeln es weiter. Das ist die Grundlage der menschlichen Zivilisation“. Ein guter Satz. Dass Shakespeare ein versierter Monteur aller Sorten in der Welt um 1600 vorfindbarer Materialien war (nicht nur literarischer) weiß der informiertere Literaturmensch um das Jahr 2000 allerdings; und weiß, dass dies schon für das erste aufschreibende „Originalgenie“ Homer zutrifft (der 400 Jahre hexametrische Gesänge seiner Vorläufer in Ilias und Odyssee um- und einarbeitet), und erst recht für seinen römischen Vollender um das Jahr Null, den wunderbaren Master (William) Ovid, der 3000 Jahre Gerede, Geschwätz, Gesang und Zusammengeschriebenes seiner Vor-Läufer poetisch geschichtsschreibend zu Papier oder auf Ziegen- und Kuhhäute bringt unter dem einzig treffenden Titel für alle wunderbaren literarischen Erzeugnisse seitdem: Metamorphosen. (Strafe: Exil am Schwarzen Meer; Eingang zur Unterwelt; verhängt vom Arschloch Augustus, Friedensfürst).
Jürgensmeiers Buch ist nicht unbedingt auf der (glitschigen) „Höhe“ solcher philologischen Sophistications; was es auch gar nicht will.  Es ist, was es sein will: ein wundervoller Materialband. Jürgensmeier geht die einzelnen Shakespeare-Stücke durch (chronologisch) und listet die Quellen auf, deren Shakespeare sich bedient, die er eingearbeitet, die er umgearbeitet hat in einzelnen Dialogen und Szenen seiner Dramen.

Kolonialmacht Great Britain

Ich habe (ausführlich) nur zu Shakespeares Tempest etwas geschrieben, 1998 in Pocahontas Bd.1.: Pocahontas in Wonderland. Shakespeare on Tour. Ich versuchte zu zeigen – in Weiterführung von Stephen Greenblatts bahnbrechenden Untersuchungen – dass Shakespeares letztes selbstvollendetes Stück Der Sturm ein Amerika-Stück ist; nicht nur in einigen Anspielungen, die sich auf die Situation der ersten englischen Siedler auf dem nordamerikanischen Kontinent in Jamestown 1607 ff beziehen, sondern in seiner gesamten gedanklich-historischen Konstruktion. Shakespeare: ein poetisch-theatralischer Bearbeiter der Situation des sich zur Kolonialmacht aufschwingenden Great Britain um 1610. Einige – darunter auch einige Theatermacher – sind dieser Spur gefolgt. Nicht bis zur radikal umgesetzten Konsequenz: nämlich den sogenannten Luftgeist Ariel als Inkarnation des unter Elisabeth I. neu entstandenen britischen Geheimdienstes zu inszenieren; soweit ist noch niemand der Theaterpraktiker in Shakespeares Heart of Darkness vorgedrungen; aber es gab Anläufe.
Jürgensmeier Inhaltsverzeichnis: Der Sturm, S. 705; ich schlage auf und finde: »Hauptanregung für das Stück dürfte eine 1609 unternommene Nachschubexpedition zu der nordamerikanischen Kolonie Virginia gewesen sein und Berichte von einer „tragischen Komödie“ auf den „stürmischen Bermudas“, die 1610 London erreichten. Daraufhin informierte Shakespeare sich über die Kolonisierung von Virginia. Von Thomas Harriot (ca. 1560-1621) war 1588 Ein kurzer und wahrhafter Bericht über das neu entdeckte Land Virginia (A Brief and True Report of the New Found Land of Virginia) veröffentlicht worden; der Zeichner John White (ca. 1540-1593) war mit in Virginia und hatte die Indianer und ihre Lebensweise in Bildern festgehalten«.
Ein heutiges Kompendium zu Shakespeares Quellen von The Tempest setzt also ein mit einer Darstellung der beginnenden englischen Besiedlung Nordamerikas. Weitere Quelle: der Bericht des Sekretärs der Jamestown-Kolonie William Strachey, der 1610 nach London gelangte und durch die Hände der (genügend angeschlossenen) Interessierten kursierte. Der Amerika-Bezug des Sturm ist offenbar akzeptiert, inzwischen, auch wenn da ein paar Ungenauigkeiten sind. Der Maler White war nicht in Virginia; er war in der sogenannten verschollenen Kolonie auf Roanoke. Aber: der Bogen ist geschlagen.

Shakespeares Schreib-Montagen

Das Besondere an Jürgensmeiers Kompendium ist nun nicht einfach, dass er alle möglichen Quellen für Shakespeares Schreib-Montagen benennt, sondern dass der Band die wesentlichen von ihnen abdruckt: Stracheys Bericht an die Virginia Company in London; Montaignes ins Englische übersetzten Essay zu den überseeischen Cannibals, den Shakespeare im Sturm stellenweise wörtlich »zitiert«; sowie Ovids Zauberformeln der »hexenden« Medea aus dem 7. Buch der Metamorphosen, die Shakespeare in die Zauberformeln Prosperos einfließen lässt. Dies enthebt das Buch der Sphäre irgendwie „erahnter“ philologischer Zusammenhänge; was es behauptet, belegt es auch.
Ich wage hinzuzufügen, dass die Menge der entdeckbaren shakespeareschen Verbindungen zu anderen Schriften und Schreibern, besonders zu seinen Zeitgenossen, noch weit größer ist, als Jürgensmeier darstellt; das soll aber keine Kritik sein. Der Band hätte sonst ein mehrfaches seines Umfangs.
Auch so schon genug: Ovids Metamorphosen werden in sieben Shakespeare-Stücken „verwendet“, in vier weiteren literarischen Produktionen werden dessen Fasti und die Heroidenbriefe benutzt. Plautus wird in fünf Shakespeare-Dramen verarbeitet; Vergils Aeneis in sechs Stücken; die Dido-Karthago-Stelle im Sturm, die so vielen Interpreten Rätsel aufgegeben hat (weil sie die Aeneis-Connection nicht wahrnehmen wollten), wird dokumentiert; das Bienengleichnis in Heinrich V., I, 2, wird bezogen auf Vergil, Georgica, etc. etc.
Was Jürgensmeier dabei nicht tut: zu ergründen, was Shakespeare jeweils anstellt oder gewinnt mit solchen Bezügen. Das bleibt jenen überlassen – „uns“ die mit Shakespeares literarischen Weltbezügen arbeiten wollen; wie mit den jeweiligen „Weltbezügen“ heutiger Autoren auch.   

Klaus Theweleit,