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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Theodor W.Adorno

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Suhrkamp Verlag , Taschenbuch , 843 Seiten

 28.- €

 978-3-518-29310-2

Kulturkritik und Gesellschaft, Bd. II

Eingriffe. Neun kritische Modelle

Spätestens seit die Oxford Dictionaries „Post-truth“, zu Deutsch: „post-faktisch“, mit der Begründung, nicht „objektive Fakten“ bestimmen die öffentliche Meinung, sondern „Gefühl und Glaube“, zum Wort des Jahres 2016 gekürt haben, ist subjektivem Meinen keine Grenzen gesetzt – man wird ja wohl noch sagen dürfen. Verschwörungstheorien („Lügenpresse“) haben Konjunktur, der sogenannte Qualitätsjournalismus befindet sich in einer „Glaubwürdigkeitskrise“. Woran sich also überhaupt noch orientieren?

Lange bevor „fake news“ und „alternative facts“ für das prekäre Verhältnis von Wahrheit und Lüge verantwortlich gemacht werden konnten, in den frühen sechziger Jahren nämlich, war es um das „gesellschaftliche Bewußtsein“ nicht besser bestellt: „Stillschweigend verzichtet es auf eine Unterscheidung von Wahrheit und Meinung“, so Adorno in „Meinung Wahn Gesellschaft“, einem Vortrag, nachzulesen in dem leider nicht mehr als Einzelband erhältlichen Buch (dafür aber in einem Band der Gesamtausgabe) mit dem bezeichnenden Titel: Eingriffe, einer Sammlung von Radioessays und Vorträgen, die dokumentieren, wie die Kritische Theorie in das „verdinglichte Bewußtsein“ der alten Bundesrepublik eingegriffen hat.

Bereits der Titel des Vortrags verweist darauf, dass Meinung und Wahn nicht getrennt, in der „schlichten Zweiteilung“ von gesunder, normaler Meinung auf der einen Seite, pathologischer, abartiger, wahnhafter auf der anderen behandelt, sondern in ihrer widersprüchlichen Immanenz reflektiert werden. Es ist nicht damit getan, „der bloßen Meinung im Namen von Wahrheit zu opponieren“. Adorno begreift subjektive Meinung als notwendige Voraussetzung für Erkenntnis: „Ohne festgehaltene Meinung“, ohne „Hypostasis eines nicht ganz Erkannten“ sind weder Erfahrung noch Erkenntnis möglich. Und weiter: „Alles Denken ist Übertreibung, insofern jeder Gedanke, der überhaupt einer ist, über seine Einlösung durch gegebene Tatsachen hinausschießt. In dieser Differenz zwischen Gedanken und Einlösung nistet aber wie das Potential der Wahrheit so auch das des Wahns.“ Demzufolge lassen sich begründetes Urteil und bloße Meinung, Fakt und Fake, nicht positiv unterscheiden. Allein im Prozess eines Denkens, das die ihm notwendig innewohnenden Momente des bloßen Meinens negiert, wäre auch heute dem beizukommen, was einst Verblendungszusammenhang genannt wurde.
Neben den Reflexionen zum Verhältnis von Meinung und Wahrheit enthält der Band Beiträge zur Ideologie des Fernsehens sowie zur Frage, „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“. Obwohl heute in Deutschland die Meinung vorherrscht, andere Nationen beneiden uns um die Gründlichkeit unserer Vergangenheitsbewältigung, scheint es um die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht so gut bestellt zu sein. „Aufgearbeitet wäre Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen“, so Adorno in den frühen sechziger Jahren. Dass die „Ursachen des Vergangenen“ bis heute fortleben, offenbaren die Popularität geschichtsrevisionistischer Populisten, die Umfrageergebnisse zu Antisemitismus sowie der alltägliche Rassismus im angeblich so geläuterten Deutschland.

Martin Janz,