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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Michael Lewis

cover

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel
Campus Verlag , gebunden , 395 Seiten

 24.95 €

 978-3-593-50686-9

 01.2017

Aus der Welt

Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat

So lautet der Titel eines neu erschienenen Sachbuchs, das mir in diesen Wochen Hilfestellung dabei leistet, unsere derzeit politisch aus dem Ruder gelaufene Welt wenigstens ein bisschen besser zu verstehen.
Nach Bestsellern unter anderem über Investmentbanking (Liar´s Poker) und Baseball (Moneyball) widmet sich der in Kalifornien lebende Michael Lewis in seinem neuen Buch der Frage: Wie gelangen wir zu unseren Entscheidungen und warum liegen wir so oft daneben?

Michael Lewis erzählt die  Geschichte der Freundschaft zwischen zwei auf ihre je eigene Art genialen israelischen Psychologen, Daniel Kahneman und Amos Tversky.  Mit klugen Versuchsanordnungen, die Michael Lewis in seinem Buch spannend wie in einem Thriller beschreibt, fanden die beiden heraus, dass wir in Wahrheit höchst irrational handeln, wenn wir glauben, eine vernünftig begründete Entscheidung zu treffen. So ließen sie beispielsweise Versuchspersonen zunächst an einem Glücksrad mit den Zahlen 1 bis 100 drehen und anschließend die Anzahl afrikanischer Staaten bei den Vereinten Nationen schätzen. Ergebnis war der sogenannte „Ankereffekt“: Je höher die gedrehte Zahl am Glücksrad, desto höher die geschätzte Zahl der in der UN versammelten afrikanischen Staaten. Die Entscheidung über die Schätzfrage wurde also nicht rational getroffen, sondern verankert in  der Glücksradzahl, die mit der gestellten Frage gar nichts zu tun hatte.

"Aus der Welt" schafften Kahneman und Tversky so den Glauben an die prinzipielle Rationalität unseres Handeln und unserer Interpretation der Realität. Ein früheres Ereignis wird für uns im Rückblick umso unveränderbarer und alternativloser, je weiter es zurückliegt. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr müsste ungeschehen gemacht werden, damit überhaupt eine Alternative zu einem stattgehabten Ereignis gedacht werden kann. „Das ist vielleicht ein Weg, auf dem die Zeit die Wunden heilt: Sie sorgt dafür, dass sie sich immer unvermeidlicher anfühlen“, schreibt Michael Lewis über die Erkenntnisse Kahnemans.

Daniel Kahneman, der spätere Nobelpreisträger, Sohn französischer Juden und jahrelang mit seinen Eltern auf der Flucht vor den Nazis, kam 1947 nach Jerusalem, kurz vor der Staatsgründung Israels. Amos Tversky war als Kind zionistischer Eltern 1937 in Haifa geboren. Beide studierten Psychologie in Israel und in den USA und trafen sich schließlich als Hochschullehrer an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Gemeinsam entwickelten sie in den 1970er Jahren ihre „Erwartungstheorie“ (Prospect Theory), die belegt, dass wir Entscheidungen nicht ausschließlich rational und mathematisch berechenbar treffen, sondern psychologisch begründet, als Teil einer Geschichte, die wir uns selber erzählen, mit der wir unsere Entscheidung für uns selber plausibel machen. Beispielsweise gewichten wir, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen, die damit verbundenen Risiken oft höher als die daraus resultierenden Chancen und (er)finden für Entscheidungen, die sich als falsch erwiesen haben, oft eine Geschichte, die sie als unvermeidlich „schönredet“.

Kahneman und Tversky fanden für die Verhaltensökonomie heraus, was als „Narrativ“ aus der Literaturtheorie bekannt ist: Rationale Gründe und Fakten sind für das Treffen von Entscheidungen und die Interpretation der Wirklichkeit nicht das Wichtigste. Wesentlich ist die Geschichte, die dabei erzählt wird. Ein erhellender und gerade jetzt erschreckender Befund, den die beiden Psychologen da erhoben haben, von Michael Lewis als spannende Geschichte einer Freundschaft erzählt – unbedingt lesenswert!

Ursula Hellerich,