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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Teju Cole

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Aus dem Englischen von Uda Strätling
Hanser Verlag , gebunden , 432 Seiten

 24.- €

 978-3-446-25294-3

 26.09.2016

Vertraute Dinge, fremde Dinge

Essays

Im letzten Sommer, der US-Wahlkampf hatte gerade Fahrt aufgenommen, lungerten wir auf einer lange geplanten Reise drei Stunden in einem riesigen Buchladen in einer riesigen Shopping Mall in Tuscon, Arizona, herum und lasen – unter anderem Teju Coles Essay A Piece of the Wall über die Mauer, die 20 Meilen weiter südlich an der mexikanischen Grenze steht und eigentlich ein Zaun ist, durch den man auf die andere Seite hindurchschauen kann und der die Menschen gerade deshalb zur Flucht verführt, weil das bessere Leben so nahe scheint – so jedenfalls die These der Leute, mit denen Cole sprach. Hunderte von ihnen verdursten jedes Jahr beim Versuch, die Sonora-Wüste Richtung Arizona zu durchqueren, denn ausgerechnet dort fehlt der Zaun. Teju Cole, 1975 in den USA geboren, wuchs in Nigeria auf und lebt heute in Brooklyn. Bekannt wurde er mit seinem wunderbaren New York-Roman Open City und dem Lagos-Blog Jeder Tag gehört dem Dieb.

In seinem Essayband Known and Strange Things, der im vergangenen Juli zeitgleich auch in Deutsch erschien, nimmt Cole uns unter anderem mit auf die Reise durch ein Amerika, in dem die Obama-Euphorie von 2008 zwar verklungen ist, sich die Fassungslosigkeit über den Erfolg von Donald Trump aber noch die Waage hält mit Humor und Hoffnung. Coles Essays handeln von Armut und Rassismus, vom „rettungsindustriellen Komplex“ der weißen Mittelschicht und vom Auseinanderdriftenden der Gesellschaften in den USA, Afrika oder im Nahen Osten – und sie feiern die Widerständigkeit der Poesie von Derek Walcott, John Coltrane oder Wangechi Mutu. Der anteilnehmende Blick, sein Abschweifen in Kunst, Literatur und Musik, nicht zuletzt der vertrauensvolle Ton, machen Teju Coles Essays überaus lesenswert.

Das zweite Buch, das ich in Tuscon gekauft habe, ist leider noch nicht auf Deutsch erschienen. Die Historikerin Nancy Isenberg erzählt darin die Geschichte der weißen Unterschicht in den USA seit ihren Ursprüngen im 17. Jahrhundert, als die britischen Eliten Landstreicher, Waisen, Verfolgte und religiöse Spinner nach Amerika schickten, um dort das Land urbar zu machen für die Kolonisation. White Trash ist eine aufschlussreiche historische Studie über Armut in Amerika, ihre gezielte Ausblendung aus dem amerikanischen Mythos und die Entwicklung weißer Parallelgesellschaften in Trailer Parks und Zeltstädten, aus denen Donald Trump bei der Wahl viel Zustimmung erhielt.   

Dietrich Roeschmann,