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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Swetlana Alexijewitsch

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Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko
Piper Verlag , Taschenbuch , 304 Seiten

 9.99 €

 978-3-492-30625-6

 09.03.2015

Tschernobyl

Eine Chronik der Zukunft

Es tut sich zur Zeit ein schwarzes Loch auf in der Größe des Universums, wenn von sogenannten Anhängern Trumps, der AfD, Putin, Front National etc. die Rede ist. Mit medialem Blick wird versucht, dieses Schwarz auszuleuchten, mit immer dem gleichen Ergebnis: Wir wissen, von was wir reden. Die kennen wir (schon immer)....

Dabei könnte man von der Literatur eines Cormac McCarthy, eines Filmes wie „Das weiße Band“ oder eben von der Literatur Swetlana Alexijewitschs lernen, wie wenig Wissen und Verständnis vorhanden ist. Denn selten erzählen die Menschen, von denen und über die permanent gesprochen und geurteilt wird, (sich) selbst. Zur Ehrenrettung von Alexijewitschs Arbeit aber muss gesagt werden, dass sie keine oral-history betreibt, keine blanke Dokumentation wie die der Video-Arbeiter der 80er Jahre, die sich heute widerspiegelt in den 3-Minuten-Beiträgen der Landesschauen.

Swetlana Alexijewitsch hört zuerst einmal zu, nimmt sich und gibt den Anderen Zeit, lässt (sich) erzählen, weiß nicht (noch nicht). Geschichte, das sind diejenigen, um die es geht. Kaum auszuhalten oft. Küchen werden Erzählorte, der Zusammenbruch eines Imperiums findet dort statt. Tschernobyl bleibt/wird vorstellbar, weil Tschernobyl gleichbedeutend ist für das Leben. Der Krieg hat auch ein weibliches Gesicht. Afghanistan, imperiale Politik überhaupt erscheint in der Größe eines Zinksarges, in den man verständnislos hinein schaut. Es ist kein auf Totalität ausgerichteter Blick, mit dem Alexijewitsch Geschichte entstehen lässt. Eher prallgefüllte Lücken. Ein Weiß. Geschichte und Geschichtsbeschreibung – hier geht es immer um Wahrheit und Wahrhaftigkeit (der Sprache, des Lebens).

In Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft präzisiert Alexijewitsch ihren Ansatz:
„Schicksal ist das Leben der einzelnen, Geschichte – das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, dass dabei das Schicksal nicht aus dem Blick gerät.... Der einzelne....“
„Dies ist kein Buch über Tschernobyl, sondern über die Welt von Tschernobyl. Mich beschäftigt, was ich weggelassene Geschichte nennen würde, die spurlosen Spuren unseres Aufenthaltes auf der Erde und in der Zeit.“
„Manchmal fühle ich mich wie eine Chronistin der Zukunft“.

Man könnte auch sagen: Swetlana Alexijewitsch füllt den so oft gebrauchten und missbrauchten Begriff der Geschichte neu mit einer Sprache voller Fremdheit.

Wünschenswert als Schullektüre für alle.

Harald Herrmann,