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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Hannah Arendt

cover

Piper , Taschenbuch , 1042 Seiten

 26.- €

 978-3-492-21032-4

 01.12.1991

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft

Die klügsten Bücher entstehen immer erst nach der Katastrophe, so auch Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951 veröffentlicht. In diesem Buch ging es nicht um die Ursachen, aber um die Voraussetzungen des Niedergangs der Demokratie in Europa, der Weltkriege und zuletzt der Erfahrung der Konzentrations- und Vernichtungslager als der eigentliche (a-)soziale Raum totaler Herrschaft. Arendt verknüpfte klassische Phänomene des ausgehenden 19. Jahrhunderts, nämlich Antisemitismus und Imperialismus, miteinander, um den Untergang der Institutionen des demokratischen Nationalstaats zu erklären.

Ihre Perspektive ist von der eigenen Biographie bestimmt: Als staatenlose deutsche Jüdin mit erzwungenem Migrationshintergrund rückte sie Fragen von Minderheit und Minderheitenschutz in den Mittelpunkt. Das Glanzstück ist nach wie vor das Kapitel über die Aporien der Menschenrechte. »Die Paradoxie, die von Anfang an in dem Begriff der unveräußerlichen Menschenrechte lag, war, daß dieses Recht mit einem Menschen ‚überhaupt‘ rechnete, den es nirgends gab.« Menschenrechte zielten nicht auf das Individuum, sondern auf Staatsangehörige. In dem Augenblick, wo Menschen die Staatsbürgerrechte verloren, gab es niemanden mehr, der sie schützte. Arendts Buch (eigentlich sind es drei Bücher) ist sicherlich ein Zeitdokument der unmittelbaren Nachkriegszeit, dessen Stärke nicht die Nuancierung ist, sondern das Argumentieren und die historische Urteilskraft auf sprachlich höchstem Niveau. Und doch hat man beim Wiederlesen so manches Déjà-vu.

Die Flüchtlinge heute sind nicht völlig rechtlos, aber sie sind manchmal nur geduldet, oft unerwünscht und zum Teil faktisch Strandgut, wie beispielsweise zurzeit auf der griechischen Insel Lesbos, wo es für sie kein Weiter gibt und das Zurück noch schlimmer ist als die Verwahrlosung in den dortigen Lagern. Sie sind zwar nicht vogelfrei, aber leben doch wie die Flüchtlinge vor 1945 in einem Niemandsland. Die Fremdenfeindlichkeit in Europa mit dem Aufschwung antieuropäischer, antiislamischer, autoritärer und populistischer Bewegungen, Parteien und Terrorgruppen verbreiten eine Atmosphäre der Unsicherheit, ob die demokratischen und liberalen Institutionen tatsächlich so völlig unantastbar sind, wie man noch glaubte, als man sie von links kritisierte. Sind die relativ goldenen Zeiten, in denen Gewalt und Rassismus zwar nicht verschwunden, aber doch geächtet waren, vorbei?

Es müsste ein Buch über das ausgehende 20. Jahrhundert geben, ähnlich dem Hannah Arendts. Bis dahin lesen wir Analysen der vergangenen Katastrophen und hoffen, dass Ähnlichkeiten mit gegenwärtigen Vorgängen und Personen rein zufällig sind.

Jörg Später,