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josfritz Buchhandlung Freiburg
josfritz Buchhandlung Freiburg

Olga Grjasnowa

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dtv , Taschenbuch , 288 Seiten

 9.90 €

 978-3-423-14246-5

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Wenn Mascha das Wort „Migrationshintergrund“ hört, kommt ihr die Galle hoch. Sie ist keine Freundin von Zuschreibungen. Derer gibt es allerdings reichlich in ihrem Leben. Mitte der 90er kam sie mit ihren Eltern als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling aus Aserbaidschan nach Frankfurt. Um „Jude“ in ihrem Pass stehen zu haben, mussten sie zu Hause wieder die Gleichen bestechen, die einst das Wort herausstreichen sollten. Denn in der Sowjetunion wäre eine Karriere sonst unmöglich gewesen. Die Familie tut sich nicht leicht in diesem Deutschland, das nicht begreifen will, dass es ein Zuwanderungsland ist, und wo „die Asche noch warm ist“, wie die Mutter schaudernd zu bedenken gibt. Mascha besucht ein Gymnasium, in dem MigrantInnen nur aus der Springerpresse bekannt zu sein scheinen. Ihr Dolmet­scher­studium schließt sie mit 1,0 ab. Mascha und ihre Freunde, alle Einwandererkinder, sprechen mehrere Sprachen, sind überall und nirgends zuhause. Kategorien wie Nation, Volk oder Religion lehnen sie ab. Ein Dauerthema zwischen ihnen ist der Nahostkonflikt, der im Roman genüsslich als Projek­tions­fläche für neu-, alt-, und antideutsche Befindlichkeiten entlarvt wird. Der Verlust eines geliebten Menschen wirft Mascha aus der Bahn. Sie will weg und nimmt eine Übersetzerinnenstelle an: in Tel Aviv. Die israelischen Befindlichkeiten erweisen sich als nicht weniger kompliziert. Schon am Flughafen wird Maschas Laptop erschossen, weil er eine arabische Tastatur hat. In den besetzten Gebieten zeigt sich palästinensischer Hass in Hakenkreuzen an den Wänden. Der Holocaust wird im Roman nicht oft erwähnt und prägt doch die Verfasstheit, sowohl im Land der Täter als auch im Staat Israel.Wo Mascha hinkommt, trifft sie aber auch auf warmherzige frei denkende Menschen. Die braucht sie auch, denn sie hat neben ihrer Trauer ein Trauma zu verarbeiten, das sie als Kind während der blutigen Pogrome erlitten hat, die im hiesigen Kollektivgedächtnis leichthin als Zerfall der Sowjetunion abgespeichert wurden.
Treffender als Olga Grjasnowa kann man weder die Verwirrungen der coolen kosmopolitischen Einwandererkinder noch die deutschen Zustände beschreiben. Sätze wie „Auf der Hinterbank saßen zwei Jungs, die vegan und nervös auf ihren Sitzen herumrutschten“ machen den Roman zum Hit.

Birgit Huber, Das Lesewütige Kaffeekränzchen