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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Patricia Hill Collins
Sirma Bilge

cover

Wiley & Sons , kartoniert , 224 Seiten

 19.90 €

 978-0-7456-8449-9

 2016

Intersectionality

So einfach lässt sich ein Buch auch charakterisieren: „Neither one of us could have written this book alone." Das gilt umso mehr, wenn zwei Soziologinnen und Gender-Forscherinnen unterschiedlicher Generationen und Sozialisation Gesellschaftsanalyse betreiben. Das tun die US-amerikanische Ikone Schwarzen feministischen Denkens Patricia Hill Collins und die kanadische Intersektionalitätsforscherin Sirma Bilge in ihrem Buch. Sie entwickeln Intersektionalität als ein Werkzeug, um die vielfachen Verflechtungen von gesellschaftlichen Ungleichheiten zu verstehen und zu verändern. Diese beziehen sich auf race, class, gender und einige andere Differenzierungen – in sozialen Verhältnissen wie auch in Menschen selbst. Dass es dabei um mehr geht als ‚nur' um die Produktion richtiger Theorien, ist nicht neu, aber selten. Das schaffen Hill Collins und Bilge: zum einen praktisch-empirisch gesättigt und theoretisch reflektiert zu argumentieren, zum anderen Erfahrungen und Denkweisen zusammen zu bringen, die sonst eher nebeneinander existieren.

Ob es sich um die Fußball-WM in Brasilien 2014, Widerstandsbewegungen gegen neoliberale Globalisierung oder auch die Bewegung Schwarzer Frauen in Brasilien handelt: Überall wird deutlich, wie sich zunächst sperrige Konzepte wie Macht, Domänen, Relationalität, Kontextualität, Komplexität oder auch soziale Gerechtigkeit übersetzen und anwenden
lassen: Hip Hop und gender eignen sich, um Fallgruben von Identitätspolitik zu verhandeln. Mikrokredite als Mittel der Armutsbekämpfung vor allem in ländlichen Gebieten berücksichtigen class, race, gender und age zur Problemlösung. Die Autorinnen berücksichtigen in der Geschichtsschreibung von Intersektionalität vor allem die sonst vernachlässigten 1960er bis 1980er Jahre. Ihre Institutionalisierung und globale Verbreitung schließt Cyberfeminismus und neue Widerstandsbewegungen ein.

Mich beeindruckt das Buch vor allem durch seinen selbstkritischen Blick auf Gender Studies. Intersektionalität gilt oft als Weiterentwicklung von Gender Studies und stellt damit Gender als zentrale Ungleichheitsdimension und Kategorie zur Disposition – welche andere Disziplin traut sich das? Ähnlich selbstbewusst diskutieren die Autorinnen das Verhältnis von Intersektionalität und Diversity: kritisch (Intersektionalität) vs. neoliberal (diversity) klingt vielleicht emanzipatorisch, funktioniert ebenso wenig wie eine reibungslose Übersetzung theoretischer Annahmen von Ungleichheit in betriebliche Praxis. So warnen zwar viele vor der Gefahr einer Entpolitisierung und BWLisierung des Konzepts Intersektionalität. Hill
Collins und Bilge lassen sich theoretisch bestens ausgestattet auf die Auseinandersetzung ein.

Zur Nachahmung empfohlen.

Nina Degele, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Uni Freiburg.